An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Welche Früchte bringt heutige Fachtheologie in den Gemeinden? Einige grundsätzliche Fragen an die Theologen.
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Hulda Hinkebein, die Unglückskirche

Oder: Wie ein Laie evangelische Theologie erlebt

I. "Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde". Wenn man sich diese Worte auf der Zunge zergehen läßt, kann einem schwindelig werden. Da soll es irgendwo ein Wesen geben, das buchstäblich alle Macht hat; das nicht nur all die Wunder auf unserer Erde sondern auch den Mond, die Sonne und den unvorstellbar gewaltigen Kosmos geschaffen hat. Gegen solch einen Gott wäre der Mensch nichts; absolut nichts. Das Verhältnis wäre nicht wie Mücke zu Elefant, sondern wie Mücke und Sonne. Dieser Gott ist für uns völlig unerreichbar; und selbst wenn die Mücke die Entfernung zur Sonne überwinden könnte - es würde nicht einmal pffft machen und sie wäre verdampft. Bei einem Streit hätten wir null Chancen; absolut null. Auf diese Vorstellung kann man nun auf zwei grundsätzlich verschiedene Weisen reagieren:

A) Man versteht sie als Chance. Was wären das für Möglichkeiten, wenn solch ein Gott tatsächlich existierte und uns wohlgesonnen wäre; wenn er uns beraten, uns beistehen würde; wenn er uns teilhaben ließe an seiner Kraft, an seinem Geist; wenn er auch uns winzigen Mücken ewiges Leben schenkte? Was könnte uns besseres passieren, als solch einen "Vater unser im Himmel" zu haben?

Oder aber B), man empfindet solch einen Gott als Gefahr, als Bedrohung. Es ist wahrhaft kein angenehmer Gedanke, daß da jemand sein soll, der uns immer sieht; der buchstäblich alles von uns weiß: jede Tat, jedes Wort, jeden Gedanken. Der auch noch Gebote erläßt, was wir tun und lassen sollen; der einmal Gericht halten und ein Urteil sprechen will über uns und unser Leben.

Das Problem ist, man kann nicht sicher wissen, ob es solch einen Gott gibt oder nicht. Es gibt keinen eindeutigen Beweis für ihn; es gibt aber auch keinen Beweis gegen ihn. Deshalb muß jeder Mensch für sich selbst eine Entscheidung treffen: ja oder nein; glaube ich an diesen Gott oder lehne ich ihn ab; akzeptiere ich eine allmächtige Autorität über mir oder will ich mein eigener Herr sein?

Diese Entscheidung trifft man weniger mit dem Verstand; sondern sie kommt aus dem Herzen, dem tiefsten Innersten unserer Seele. Von dort heraus prägt sie unser Wollen, unser Fühlen, unser Denken, unser ganzes Sein. Und von dort heraus bestimmt diese Entscheidung auch unseren Glauben, unsere Theologie. Die einen stellen sich dem Gedanken an einen großen, allmächtigen Gott - mit all den Problemen, die das mit sich bringt ("Wie kann Gott das zulassen?"); die anderen tun alles, um Gott klein und entsprechend sich selber groß zu denken.

Zum Beispiel Jesus Christus: Die einen riefen aus Leibeskräften: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich unser!" Die anderen riefen, auch aus Leibeskräften: Weg mit dem - "Kreuzige ihn!" Heute ist Jesus nicht mehr sichtbar unter uns; dafür haben wir die Bibel. Auch hier: Die einen glauben, die Bibel ist Wort Gottes; Worte, die von Gott durch Menschen hindurch zu uns kommen. Also nehmen sie die Bibel, wie sie ist; und sehen in ihr das, was der große, allmächtige Gott uns Mücken zu sagen hat.

Die anderen dulden keinen Gott über sich; folglich akzeptieren sie auch kein "Wort Gottes" als Autorität, der sie sich unterordnen müßten. Allerdings, sie rufen nicht: "Weg mit der Bibel", sondern sie rufen: "Nicht eliminieren, sondern interpretieren! Wir müssen die Bibel (historisch) kritisch untersuchen. Was uns darin gefällt, in Ordnung, das lassen wir gelten; was uns nicht zusagt, das wird umgedeutet." D. h., die Bedeu-tung der unbequemen Textstellen wird verändert; sie werden verdreht, sie werden umgebogen und zwar so, wie der Theologe es braucht. Die Aussagen der Bibel werden den Wünschen der Mücken angepaßt. In der Folge ist heutige Theologie in alle Himmelrichtungen deut- und dehnbar. Sie beinhaltet nicht mehr das, was Gott sagen, sondern das, was Menschen hören wollen, wonach "ihnen die Ohren jucken" (2Ti 4,3). (Neuerdings geht man konsequenterweise noch einen Schritt weiter: man beginnt jetzt, auch die Bibel selbst zu verändern; man schreibt sie um - in eine nach aktuellen Wünschen "gerechte Sprache".)

In der offiziellen EKD-Monatszeitschrift "Zeitzeichen" (11/05, S. 39) wurde der Kirchenpräsident der ev. Landeskirche Hessen und Nassau gefragt: "Ist die Bibel Gottes Wort?" Seine Antwort: "Nein ... Die Bibel ist nicht mit dem Wort Gottes identisch. Das Wort Gottes ist kein Buch, sondern lebendiges Geschehen. Es ist überall in der Welt zu vernehmen ..." Wie dieses "lebendige Geschehen" aussehen kann, läßt sich ebenfalls in - der offiziellen kirchlichen Zeitschrift! - "Zeitzeichen" nachlesen. Im Januar 2006 (S. 48) schrieb der Theologie-Student Florian Dieckmann dort sinngemäß: Am Anfang meines Studiums habe ich noch an einen Gott im Himmel geglaubt; heute, am Ende des Theologiestudiums, tue ich das nicht mehr. Jetzt glaube ich: "Es gibt Gott nicht außerhalb unseres Glaubens an ihn ... Gott ist da, wo von ihm geredet wird ... Anderswo muß man ihn nicht suchen. Das ist ernüchternd ... weil der Thron im Himmel quasi verlassen ist und leer. Weil da keiner sitzt über den Wolken. Keiner regiert im soundsovielten Himmel."

Das lernen Theologie-Studenten heute an den Universitäten: "Der Thron im Himmel ist leer. Gott ist nur da, wo von ihm geredet wird; anderswo muß man ihn nicht suchen"! Mit anderen Worten: wenn man über Gott redet, dann existiert er; wenn man nicht mehr über ihn redet, dann gibt es ihn auch nicht mehr. Der ewige, allmächtige Gott wird hier zu einer Art Westentaschen-Götzen. Bei Bedarf holt man ihn heraus; wenn man ihn nicht mehr braucht, wird er zusammengeklappt und wieder weggesteckt.

Das wird selten so deutlich gesagt. Aber dennoch, heutige Theologie ist - weithin - der groß angelegte Versuch, Gott klein zu machen, ihn handlich und berechenbar und vor allem beherrschbar zu denken - und entsprechend den Menschen groß zu machen. Der Gott der heutigen Theologie ist lieb und nett und brav und gnädig; er sagt und tut grundsätzlich nur das, was die Theologen von ihm erwarten. Genauer wohl: man sucht sich ein pflegeleichtes Etwas, mit dem man machen kann, was man will - und das wird dann zum “Gott“ ernannt (z. B. “die Alles bestimmende Wirklichkeit“ oder “der Grund der Möglichkeit von überhaupt allem“).

Wohlgemerkt; es geht hier nicht darum: die einen sind die Guten, die machen alles richtig; und die anderen sind die Bösen, die machen alles falsch. Die Vertreter beider Seiten sind Sünder und machen Blödsinn. Auch wir von A) haben oft genug allen Grund, uns an die eigene Nase zu fassen. Hier geht es zunächst nur um die zwei grundsätzlich verschiedenen, nicht zu vereinbarenden Grundformen von Theologie: Bei A) der große Gott und ein kleiner Mensch; bei B) der große Mensch und ein kleiner Gott. Oder im Blick auf die Bibel: Bei A) ist die Bibel die Autorität und der Mensch steht unter ihr. Die Bibel kritisiert den Menschen. Bei B) ist der Mensch die Autorität und die Bibel steht unter ihm. Der Theologe kritisiert die Bibel.

 

II. Von Physik habe ich keine Ahnung. Es muß aber mal einen großen Streit gegeben haben über die Frage: Woraus besteht das Licht? Einige Physiker sagten: "Licht besteht aus Teilchen"; andere sagten: "Licht ist Welle, ist reine Energie." Ich habe das nie so richtig begriffen, aber es galt wohl: entweder - oder, entweder Teilchen - oder Welle. Das eine schließt das andere aus; beides gleichzeitig geht nicht.

Der Witz war nun, machte man ein bestimmtes Experiment, konnte man beweisen: Licht ist Teilchen. Machte man ein anderes Experiment, konnte man das genaue Gegenteil beweisen: Licht ist Welle. Das Experiment entschied über das Ergebnis; bzw. das Ergebnis war abhängig vom Verhalten des Forschers: was er suchte, das fand er auch - obwohl beide Ergebnisse nicht zusammenpaßten und sich gegenseitig ausschlossen.

"Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." Falls dieser große, allmächtige Schöpfer tatsächlich existiert, dann sollte er selbst unendlich komplizierter 'beschaffen sein' als das von ihm geschaffene Licht. Deshalb dürfte auch und gerade bei Gott gelten: das Experiment bestimmt das Ergebnis. Was wir über Gott herausfinden, was wir mit ihm erleben, ist abhängig von uns, von unserem Verhalten: Was wir suchen, das finden wir auch.

Wieder das Beispiel Jesus Christus: Wer bei ihm Gottes Liebe und Hilfe suchte, der fand das auch. Der konnte ehrlichen Herzens sagen: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes". Bis heute, durch die Jahrtausende hindurch, bekennen unzählige Christen aus ganzem, tiefsten Herzen: "Mein Herr und mein Gott!" Und die anderen, die von oben herab, geringschätzig auf Jesus geschaut haben, die sagten: "Zeig uns was du kannst. Tu' doch mal ein Wunder. Bist du Gottes Sohn, dann steig herab vom Kreuz"? Die kamen zu dem Ergebnis: Jesus ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, der Sohn des Zimmermanns; nichts Besonderes, im Gegenteil ein "Fresser und Weinsäufer".

Oder die Bibel: Wer sie gewissermaßen auf Knien, mit betendem Herzen liest, der merkt, darin steckt die Liebe und der Segen und die Kraft des ewigen, allmächtigen Gottes. Wer die Bibel aber von oben herab, mit kritisierendem Verstand betrachtet, der kommt halt zu dem Ergebnis: Die Bibel ist "eine von Menschen geschriebene religiöse Urkunde und daher zu lesen und zu verstehen wie andere menschliche Urkunden auch" (H. Zahrnt); nichts Besonderes, ein Buch wie jedes andere. Auch hier, das Ergebnis hängt ab von unserem Verhalten: was wir suchen, das finden wir auch.

Der Marburger Theologie-Professor Wilfried Härle hat eine Dogmatik geschrieben. Auf Seite 13 erwähnt er eher am Rande die Frage: Ist Theologie die Lehre von Gott oder die Lehre von Verkündigung und Glauben? Mit anderen Worten: Ist Theologie ein Experiment, das auf Gott hin ausgerichtet ist, das Gott erkennen will? Oder ist Theologie ein Experiment, das ausgerichtet ist darauf, was Christen denken und tun, auf deren Glauben und Verkündigung? Zugespitzt: Sucht Theologie nach Gott oder nach dem Menschen

Seine Antwort: Es gibt ein Argument für Theologie als Lehre von Gott, aber das sei "nicht durchschlagend"; deshalb sei Theologie die "Bezeichnung der institutionalisierten, wissenschaftlichen Form der Reflexion über Inhalte der christlichen Botschaft und Vollzugsweisen ihrer Vermittlung". Auf deutsch: Theologie untersucht, was der Mensch - zwar der christliche Mensch aber dennoch der Mensch - denkt und redet. Theologie sucht den Menschen.

 

Und was Theologen auf der Suche nach dem Menschen so alles finden, kann man im SPIEGEL nachlesen. In der Ausgabe 50/1999 (S. 130) stand ein Interview mit Andreas Lindemann, Professor für Neues Testament an der kirchlichen Hochschule in Bethel. "SPIEGEL: Hielt Jesus sich für Gottes Sohn? Lindemann: Nein." An anderer Stelle: "SPIEGEL: ... Also verstand auch Jesus selbst seinen Tod nicht als Sühnetod für die Sünden der Menschen ... Lindemann: Davon hat Jesus in der Tat nicht gesprochen. Die Worte, mit denen er seinem Sterben Heilsbedeutung zuschreibt, sind ihm nachträglich in den Mund gelegt worden."

In diesem Stil geht das über vier Seiten: Jesus sei nicht in Bethlehem geboren; die Weihnachtsgeschichten seien komplette Erfindungen; Jesus hat vielleicht Kranke geheilt aber andere Wunder habe er nicht getan; er habe weder die Bergpredigt gehalten noch das Abendmahl eingesetzt noch den Missionsbefehl erteilt; das leere Grab sei eine Legende, Himmelfahrt natürlich auch. Kurz gesagt: Die Evangelien berichten nicht, was der große, allmächtige Gott durch Jesus getan hat; sondern die Evangelien seien überwiegend von Menschen erfundene Geschichten.

Besonders bemerkenswert; "SPIEGEL: Papst Johannes Paul II ... behauptet, 'dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt'. Lindemann: "Das wird seit Jahrzehnten von keinem Ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet. SPIEGEL: Der Papst ... verkündet, die Evangelien seien ... 'als historische Zeugnisse ... zuverlässig'. Lindemann: Ich kenne jedenfalls im deutschsprachigen Raum keinen Exegeten, auch keinen katholischen, der sich so äußert." Das ist natürlich Quatsch; selbstverständlich gibt es solche Exegeten - insbesondere an den von der Kirche nicht anerkannten Bibelschulen. Dennoch, hier schreibt einer, der es wissen muß: Er kenne keinen Theologie-Professor - weder einen evangelischen, noch einen katholischen - der glaubt, daß das, was die Evangelien berichten, tatsächlich geschehen sei.

Und als Tüpfelchen aufs i: "SPIEGEL: Herr Lindemann, wenn wir sie so hören, kommt uns der Gedanke: Was man über den Menschen Jesus weiß, ist dem christlichen Glauben im Wege. Lindemann: Das bestreite ich nicht". Das sagt ein moderner wissenschaftlicher Theologe: Der Jesus, der damals gelebt hat, und der Christus, den wir heute bekennen und glauben, seien verschiedene Gestalten; beide passen nicht zusammen. "Was man über den Menschen Jesus weiß, ist dem christlichen Glauben im Wege".

Was wir suchen, das finden wir auch: A) findet in der realen Person, die vor 2000 Jahren im heutigen Nahen Osten gelebt hat, sowohl einen richtigen Menschen als auch Gott selbst; Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott. B) dagegen meint, der Christus der Bibel sei nur eine "kerygmatische" Gestalt; ein geglaubter, ein gepredigter, letztlich ein erfundener Christus. Der historische Jesus sei nur Mensch gewesen; sicherlich ein besonderer, außergewöhnlicher Mensch, aber eben doch nur ein Mensch. Das Göttliche sei ihm nachträglich angedichtet worden. Das hätte sich die Urgemeinde erst nach seinem Tode ausgedacht, um ihren Glauben in einer der damaligen Zeit gemäßen Form verständlich zu machen; ihn gewissermaßen mit mythologischen Bildern zu illustrieren.

Nochmals, es geht nicht darum, die einen sind die Guten und die anderen sind die Bösen. Auch wir von A) suchen und finden oft genug nicht Gott sondern uns selbst. Hier geht es nur um das Grundprinzip. Das Ergebnis hängt ab von uns, von unserem Verhalten: Was wir suchen, das finden wir auch.
A) Wenn der kleine Mensch zu dem großen Gott aufsieht, ihn sucht, ihn anbetet - dann findet er den Gott, der in die Geschichte der Menschheit eingegriffen, sich in dieser Geschichte offenbart hat; dann findet er in der Bibel bezeugt, was dieser große Gott getan und geredet hat - in der Geschichte seines Volkes, durch die Apostel und Propheten und vor allem durch seinen Sohn Jesus Christus.
B) Wenn aber der große Mensch nur sich selber anschaut; sich selber sucht, sich selber anbetet - dann wird er auch nur sich selbst, den Menschen, finden; dann sieht er in der Bibel Geschichten, die von Menschen erfunden wurden.

(Soweit ich weiß, spricht man heute in der Physik vom "Welle-Teilchen-Dualismus". Nicht nur das Licht sondern alle Atome seien sowohl Welle - als auch Teilchen. Ähnliches sollte auch für Jesus gelten: Er war sowohl wahrer Mensch - als auch wahrer Gott; sowohl 100 Prozent Mensch - als auch 100 Prozent Gott. Genau wie die Bibel: sowohl 100 Prozent Menschenwort - als auch 100 Prozent Wort von Gott. Nicht: entweder - oder; sondern: sowohl - als auch. Die Physiker haben es inzwischen begriffen ...)

 

III. Es war einmal - da hatte das Handwerk noch goldenen Boden. Damals gab es Schmiede, Bäcker, Schneider usw., die aus unterschiedlichen Materialien mit unterschiedlichen Verfahren sehr unterschiedliche Erzeugnisse herstellten. Ähnlich ist es in der Theologie. Auch hier werden aus unterschiedliche Materialien mit unterschiedlichen Verfahren sehr unterschiedliche "Produkte geliefert".

Die Theologen von A) sind Zeugen. Sie finden "Wahrheit" vor; und das, was sie "gehört, gesehen, betrachtet, betastet" (1Joh 1,1), was sie "akribisch erkundet" (Luk 1,3) haben, das bezeugen sie. Der große Gott bzw. dessen Taten und Worte sind Norm und Vorgabe, an die all ihr Denken, Reden und Tun gebunden ist. B) dagegen lehnt einen großen Gott ab; deshalb akzeptiert man auch keine göttliche Vorgabe, der man verpflichtet wäre. Hier ist es der große Mensch bzw. dessen Wünsche und Bedürfnisse, an die alles Denken, Reden und Tun gebunden ist. D. h. der Mensch selbst schafft sich seine je eigenen Normen. "Wahrheit" wird letztlich vom Menschen 'hergestellt'. B)-Theologen sind Erzeuger.

Und genau diese B)-Theorie ist der Kern der heutigen offiziellen evangelischen Theologie. Nochmals der SPIEGEL 50/1999: "SPIEGEL: Wenn sich nahezu alles, was über Jesus in der Bibel steht, als unhistorisch erwiese, könnte es ihren Glauben erschüttern? Lindemann: Nicht im Geringsten . . . Ich kann ihn [den Glauben] nicht davon abhängig machen, was wir historisch forschenden Theologen jeweils feststellen." Und weiter: "SPIEGEL: War das Grab denn leer? Lindemann: Das weiß ich nicht. Aber selbst wenn das Grab und Reste des Leichnams Jesu gefunden würden, würde dies meinen Glauben an die Auferweckung Jesu durch Gott nicht berühren."

Der bekannte Theologe R. Bultmann hatte diese Haltung auf die Spitze getrieben. Er war (H. Zahrnt "Die Sache mit Gott"; DTV 1982, S. 273) "der Meinung, daß wir vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen können". Folglich war hielt er das, was damals tatsächlich geschehen ist, für belanglos. Er soll gesagt haben (S. 274): "- es möge gewesen sein, wie es wolle". Seine Nachfolger sind wieder etwas zurückgerudert; dennoch auch sie sagen letztlich nichts anderes. Z. B. schreibt Prof. W. Härle in seiner Dogmatik (S. 305): Das Bild des Menschen Jesus von Nazareth sei "durch die – not-wendigen - Vermittlungen und Interpretationen der Überlieferung ausgeschmückt und verändert worden".

Dies alles läuft darauf hinaus: Die geschichtlichen Fakten sind eine Sache, der christliche Glaube ist eine andere. Beides hat im Grunde wenig miteinander zu tun. Der Glaube ist nicht abhängig von historischen Tatsachen, sondern er ist ein Produkt menschlicher Phantasie, ein "Erzeugnis" der Urgemeinde bzw. der ersten Theologen. Oder mit anderen Worten: "SPIEGEL: ... Rudolf Augstein hat ... folgenden Kernsatz formuliert: 'Nicht, was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion ... bestimmt.' Stimmen Sie dem zu? Lindemann: Ich würde es nicht so apodiktisch formulieren, aber im Prinzip kann ich diesem Satz zustimmen ..."

Und dieses "Ausschmücken und Verändern" ist kein abgeschlossener Prozeß, sondern dauert an bis heute. Bzw. das 'Erzeugen von Wahrheit' gilt als Kernkompetenz und Hauptaufgabe evangelischer Theologie. Deren zentraler Begriff lautet halt "Interpretation": Die biblischen Texte werden übernommen, ihre Aussage, ihre Bedeutung aber werden vom Wortsinn, vom "Buchstaben", losgelöst und den aktuellen Bedürfnissen entsprechend jeweils neu "erzeugt" bzw. erfunden. In die alten Worte werden neue Inhalte gefüllt, in die alten Schläuche neuer Wein, in die alte Kirche immer wieder neues, anderes Evangelium.

Für A) dagegen dauert das "Vorfinden von Wahrheit" noch immer an. Gott redet und handelt bis heute. Der große, allmächtige Gott will auch heute eingreifen in die Geschichte und zwar in die ganz persönliche Geschichte eines jeden Menschen. Und das geschieht dort, wo der historische, der wirkliche, der auferstandene Jesus persönlich "mitten unter uns ist" - und durch seinen Geist Menschen buchstäblich "begegnet", ihnen "Heil widerfahren" läßt, ihr Leben von Grund auf verändert. Der Auferstandene selbst ist - auch heute – "die Wahrheit"; er ist der Maßstab, an dem die gesamte A)-Theologie hängt: "Ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh 15,5).

"Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott". Der Mensch sucht etwas, woran er sich halten, sich in der Not festklammern kann. Der Glaube braucht einen Haken, einen festen Punkt, an den er sich hängen kann. A) sucht diesen Halt im "Wort Gottes", in der Bibel. "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Mt 24, 35). "Es steht geschrieben . . . !" ist das Fundament, auf das der A)-Glaube sich stellt. Und durch diese Worte hindurch klammert er sich an den, der für mich gestorben ist. Und in Christus hänge ich am ewigen, allmächtigen Gott.

B) dagegen lehnt verbindliche Vorgaben ab. Folglich kann auch die Bibel keinen festen, belastbaren Halt bieten. Also muß der B-Glaube einen anderen Aufhänger suchen. Auch den bringt Bultmann wieder auf den Punkt (a.a.O. S. 263): "Das Wort der Verkündigung ist der Grund des Glaubens, es ist sein einziger Grund." Und weiter (S. 259): "Die Predigt gehört zum Heilsgeschehen hinzu, sie selbst ist das Heilsgeschehen." Hier soll der Glaube sich hängen an den Prediger; soll Halt finden in dem, was der jeweilige Pfarrer sich ausdenkt und von der Kanzel verkündet. In der Not, im Leben und im Sterben, soll ich mich klammern an das, was das historisch-kritische Theologenhirn erzeugt.

Zugespitzt heißt das: A) glaubt, durch die Bibel hindurch ist "Christus uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung" (1Ko 1,30). B) meint im Kern, "der Theologe hat sich gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung". Bei A) dreht sich alles um die - in der heiligen Schrift bezeugte - Person des Auferstandenen; hier glaubt man an Jesus Christus; bei B) dreht sich alles um die Person des Theologen; dort soll man letztlich an seinen Pfarrer glauben. Kurz: für A) gilt allein Christus und die Bibel, “solus christus“ und “sola scriptura“; bei B) zählt allein der Theologe und dessen Wort, “solus theologus“ bzw. “solo verbo“

In der Folge sucht A) ein "Heil", das direkt von Gott kommt, das buchstäblich übernatürlich, nicht von dieser Welt ist. A) bittet um Trost, Hilfe, Frieden, Kraft, die menschliche Möglichkeiten weit übersteigen; um Segen, der höher ist "denn alle Vernunft". Gott selbst "heilt" den Menschen - und wirkt durch ihn hindurch "heilend" in die Welt hinein. Deshalb lautet der Kernsatz des A)-Glaubens bzw. sein größtes Gebot: "Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst." Hier geht es um Gott und den Menschen, um Gott und die Welt.

B) dagegen sucht ein 'Heil' zu verwirklichen, das Menschen sich ausdenken; sucht das umzusetzen, was Theologen unter einer 'heilen Welt' verstehen. Die höchsten Ziele heißen hier: "Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung". Z. B. wird in "DIE+Kirche" (3/09, S. 2) der Kirchentag in Bremen angekündigt. Dort soll "die weltweite Wirtschaftskrise im Zentrum ... stehen"; man wolle "den Sinn für Verantwortung schärfen" und "neue, 'eben menschliche Maßstäbe' für die Gesellschaft ... finden". "Gott" oder "Jesus Christus" werden in dem Artikel nicht erwähnt (bzw. nur 1x in der Worthülse "Gottesdienst"). Hier geht es letztlich nur um den Menschen bzw. nur um die Welt. Wobei man sich weniger um das 'Heil' des Einzelnen müht sondern um die Verhältnisse, die Lebensbedingungen, um eine 'heile Welt'.

Kurz: Bei A) will Gott den einzelnen Menschen heilen und durch ihn hindurch die Welt verbessern; bei B) will der Mensch die Welt heilen und dadurch dem einzelnen Menschen ein besseres Leben ermöglichen.

Nochmals: dies alles soll nicht heißen, die einen sind die Guten und die anderen die Bösen. Auch wir von A) predigen oft genug "uns selbst", sprich: von Gott losgelöste fromme Theorien; d. h., wir bleiben Lichtjahre hinter unseren Ansprüchen zurück. Dennoch bleibt der grundlegende Unterschied:

A) nutzt als 'Material' die Worte und Taten Gottes, vorgegeben in der Geschichte seines Volkes Israel, in seinem Sohn (dem historischen Jesus), in seinem Wort (der Bibel) und heute durch seinen Geist, um mit dem Verfahren Bezeugen, Dienen, Haushalten (1Ko 4,1) als Produkt ein von Gott geschenktes, überweltliches, ewiges 'Heil' zu vermitteln.

B) dagegen nutzt als Material den menschlichen Geist, die menschliche Intelligenz, die menschliche Phantasie um mit dem Verfahren Interpretation, Ausdenken, Erfinden, Erzeugen als Produkt eine 'heile Welt' zu schaffen bzw. ein zeitliches, innerweltliches, von Menschen gemachtes 'Heil' (gern "Schalom" genannt).

 

(Als Zugabe in Klammer: Manche Vertreter von B) in ihrem großartigen Schaffen sehen etwas mitleidig auf das unscheinbare Dienen ihrer Kollegen von A) herab. In der kirchlichen Presse liest man dann Bemerkungen wie: die von A) seien "eher einfach gestrickt" (DIE+KIRCHE) oder sie hätten "den Verstand an der Kirchentür" abgegeben (Zeitzeichen) usw. usw. D. h., die Vertreter von A) gelten im Theologen-Olymp als ein wenig beschränkt. Umgekehrt ist es mir schleierhaft, wie intelligente Menschen ihr ganzes Leben solch sinnloser Hirnakrobatik widmen können? Oder mehr noch: wie man mit den selbst gestrickten, leeren B)-Theorien die Kirche erhalten will? A) und B) sind halt völlig unterschiedliche Welten. Klammer zu.)

 

IV. Es dürfte eine Binsenweisheit sein: die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte. Auch ich bin nicht so, wie ich sein sollte. Und das gilt für alle Menschen: Der heilige Gott hätte allen Grund, uns aus seinem Reich auszuschließen; Abstand zu wahren; uns auf Distanz zu halten. Auf einer Distanz wie zwischen Sonne und Mücken: der Abstand der Sünde.

Um diesen Abstand zu überwinden, braucht es ein gewaltiges, alles veränderndes Geschehen: "Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben" (Joh 3,16). Jesus Christus hat am Kreuz diese unendliche Distanz zwischen Gott und Menschen überwunden; er hat eine Brücke gebaut, einen Weg gebahnt. Der Mensch kann den Weg über diese Brücke gehen durch Glauben; und zwar allein durch Glauben, "sola fide". Dieser Grundsatz ist offenbar so wichtig, daß die (ehemalige) Landeskirche der Kirchenprovinz Sachsen ihn in ihre Grundordnung (Kirchenverfassung) aufgenommen hat (Vorspruch 3): Die Kirche "bekennt . . . daß Jesus Christus allein unser Heil ist . . . empfangen allein im Glauben."

Soweit Rechtfertigungslehre A); nun zu Rechtfertigungslehre B). Die klingt sehr ähnlich, besagt aber etwas völlig anderes. Zum Beispiel: In Magdeburg gibt es das Domgymnasium, eine "christlich orientierte Schule in freier Trägerschaft". In der Schulschrift 2003/5 schrieb ein Religionslehrer zur Frage "Woran zeigt sich, daß unsere Schule eine christliche Schule ist?" Dort heißt es (unter Berufung auf Prof. W. Härle): Das christliche Menschenbild beruhe auf der "Rechtfertigung des Menschen vor Gott . . . Luther definiert den Menschen als justificari fide (aus Glauben gerechtfertigt)".
Oder: Prof. E. Jüngel ist der derzeit wohl bekannteste evangelische Theologe in Deutschland. 2002 hat er vor dem Bioethik-Kongreß in Berlin - also vor nichtchristlichem Publikum - Thesen vorgestellt "Zum christlichen Verständnis des Menschen aus theologischer Sicht". In These 4 heißt es: "Als gerechtfertigter Sünder bleibt er [der Mensch] die [unwiderruflich] von Gott bejahte und anerkannte Person" (www.ekd.de).
Oder: Am 02. Juni 2008 hat die Bischofskonferenz der VELKD eine Erklärung veröffentlicht "Die Rechtfertigung des Menschen vor Gott". Darin heißt es: "Nach christlicher Überzeugung ist der Mensch ... von Gott bejaht, geliebt, anerkannt, und das heißt: gerechtfertigt".

Daß es Menschen geben könnte, die nicht (aus Glauben) "gerechtfertigt" sind, wird dabei weder vom Religionslehrer noch von Prof. Jüngel noch von den lutherischen Bischöfen erwähnt. Diese Möglichkeit wird nicht in Betracht gezogen; im Gegenteil, Prof. Jüngel schreibt an anderer Stelle ("Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens", Mohr Siebeck 1998, S. 227f), daß Menschen "auch im schlimmsten Fall" die "unzerstörbare Würde einer von Gott gerechtfertigten menschlichen Person" besitzen.

Für A) gelten Gnade und Glauben, "sola gratia" und "sola fide"; Joh 3,36: "Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihn." Hier gibt es eine Trennung zwischen "gerechtfertigt" und "nicht gerechtfertigt"; eine Grenze zwischen drinnen unddraußen, zwischen gerettet und verloren, zwischen 'Reich Gottes' und 'der Welt', zwischen Himmel und Hölle.

Für B) dagegen hat der Glaube praktisch keine Bedeutung. Dort gilt nur "sola gratia". Dort ist 'der Mensch an sich', d. h. jeder Mensch, aus Gnaden gerechtfertigt. B) kennt kein "Entweder - Oder", keine Trennung, keine Grenze. Dort existiert nur ein einziges großes Ganzes; man glaubt nur drinnen, nur gerettet, nur Himmel und Reich Gottes.

Für B) dagegen hat der Glaube praktisch keine Bedeutung. Dort gilt nur "sola gratia". Dort ist 'der Mensch an sich', d. h. jeder Mensch, aus Gnaden gerechtfertigt. B) kennt kein "Entweder - Oder", keine Trennung, keine Grenze. Dort existiert nur ein einziges großes Ganzes; man glaubt nur drinnen, nur gerettet, nur Himmel und Reich Gottes.

Gnade heißt: eine nach geltendem Recht gebotene Strafe wird erlassen. Unschuldige brauchen keine Gnade; sie können Gerechtigkeit verlangen. Der Schuldige jedoch ist auf Gnade angewiesen. Allerdings, er hat keinerlei Anspruch darauf; er kann sie weder fordern noch erstreiten noch erkaufen. Sein Schicksal liegt einzig und allein in der Hand dessen, der begnadigen kann. Der Schuldige ist vollkommen abhängig von ihm und seiner Entscheidung.

Doch genau das will B) nicht akzeptieren. Deshalb wird "Rechtfertigung" konstruiert als eine Art göttliche Generalamnestie, durch welche die gesamte Menschheit ein für alle Mal unwiderruflich "aus Gnaden gerechtfertigt" sei. Zorn Gottes, strafende Gerechtigkeit, verurteilendes Gericht oder gar ewige Verdammnis werden ausgeschlossen. Kurz: B) legt Gott fest; läßt ihm keine Wahl; nimmt ihm jeden Entscheidungsspielraum: Er wird zum Gnädigsein gezwungen, zum Begnadigen verurteilt; Gott wird zum 'Gnade Gewähren' regelrecht verdammt. Anders ausgedrückt: in der B)-Rechtfertigungslehre eignet der Mensch sich die Gnade an; er schreibt sich Rechtfertigung als unzerstörbaren, unverlierbaren Besitz fest; der Mensch stellt sich selbst einen "unwiderruflichen" modern-theologischen Ablaßbrief aus, der die Vergebung sämtlicher Sünden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft garantiert.

Noch eines: 'Begnadigung' kann nicht verdient werden. Dennoch sollte der Schuldige schon deutlich machen, 1) daß er seine Schuld bereut. "Gott, sei mir Sünder gnädig", sagte der Zöllner im Gleichnis und ging gerechtfertig hinab; nicht aber der Pharisäer, der meinte, diese Haltung nicht nötig zu haben. Und 2) daß er, der Schuldige, gewillt ist, "hinfort nicht mehr zu sündigen" d. h. die geltende Rechtsordnung anzuerkennen. Er sollte - mit Paulus gesprochen (Phil 2,10f) - "die Knie beugen in dem Namen Jesu und bekennen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters."

Deshalb spielt "Buße" für A) eine entscheidende Rolle. "Da unser Herr und Meister spricht: 'Tut Buße' usw., hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sei ...", beginnt Luther die Geburts-urkunde unserer evangelischen Kirche. B) dagegen empfindet das Ansinnen, vor einem gerechten, heiligen und deshalb auch konsequenten Gott die Knie beugen zu müssen als "mörderischen Alptraum" (Drewermann). Deshalb schafft man sich halt eine Rechtfertigungs-Theologie, die "Buße" vor Gott überflüssig macht.

Falls dann Fragen aufkommen wie Apg 2,37 "Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?" oder Apg 16,30 "Was soll ich tun, daß ich gerettet werde?", so antwortet A): Ja, du mußt und du kannst etwas tun - nämlich "Buße ... zur Vergebung deiner Sünden". Heute ist der Tag deines Heils! Heute kann dir Heil widerfahren! Darum, bitte, komm herüber über die Grenze; lasse dich versöhnen mit Gott; "glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig".

B) dagegen hat für diese Frage kein Verständnis. Dort müßte die Antwort lauten: Kein Grund zur Sorge, du bist schon gerettet, d. h. gerechtfertigt; deine Sünden sind dir vergeben; du bist mit Gott versöhnt. Du brauchst dazu nichts tun. Dies alles ist unwiderruflich unzerstörbare Wirklichkeit für dich. Deshalb muß heute nichts mehr geschehen. Mit dir ist alles in Ordnung!

Mit anderen Worten: Bei A) ist Rechtfertigung "Konjunktiv"; eine Möglichkeit, die "allein durch Glauben" zur Wirklichkeit wird. Für B) ist Rechtfertigung "Indikativ" (Jüngel); eine für jeden Menschen "unzerstörbare" Wirklichkeit. Oder wie Bonhoeffer es formuliert: bei A) ist Rechtfertigung "Resultat"; für B) ist sie "prinzipielle Voraussetzung für eine Kalkulation" (s. S. 18).

Auch hier geht es nicht um "die Guten oder die Bösen". Auch bei A) ist die Grenze oft genug nur leere Theorie; bzw. uns fehlt die geistliche Kraft, Menschen über diese Grenze zu helfen. Dennoch, in diesem Punkt muß B) sich fragen lassen, ob ihnen nicht genau die Jacke paßt, die ihre Kollegen bereits vor 2000 Jahren anziehen mußten: "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr gehet nicht hinein, und die hinein wollen, die laßt ihr nicht hineingehen" (Mt 23,13)? Das ist die große Frage an Jüngel, Härle und Kollegen: "Die hinein wollen, laßt ihr nicht hinein - weil ihr sagt: Friede, Friede und ist doch kein Friede!"?

Und B) muß sich die Frage gefallen lassen: Wenn alle Menschen vor Gott gerecht sind - wozu soll man sie dann noch missionieren? Wozu braucht es dann noch eine Kirche? Mit ihrem bequemen, Buß-losen Glauben rauben die B)-Theologen der kirchlichen Arbeit Ziel und Motivation. Sie betten den Menschen (bzw. sich selbst) in eine sichere, "unzerstörbare" Gnade - doch unsere Kirche geht daran kaputt.

 

(Falls jemand diese Ausführungen ins Reich der Märchen verweist, der lese bitte das Grundsatzreferat von Prof. Jüngel vor der EKD-"Missionssynode" 1999. Finden sich dort Hinweise auf eine Grenze zwischen "gerettet und verloren"? Finden sich dort Begriffe [bzw. 'die Sache dahinter'] wie "Rettung", "Buße", "sola fide" . . . ? Oder betont er da: "Das ist der souveräne Indikativ des Evangeliums: dass die ganze Welt bereits im Licht der Gnade Gottes existiert, dass also auch der noch nicht 'missionierte', dass auch der noch nicht 'evangelisierte' Mensch bereits vom Licht des Lebens erhellt wird"?
Immerhin, Jüngels Aussagen sind völlig korrekt und zutreffend - für Adam und Eva im Garten Eden. Daß aber inzwischen der Sündenfall eingetreten ist, scheinen die B)-Theologen nicht bemerkt zu haben. Also treiben sie eine Paradies-Theologie, die die Sünde ignoriert.)

 

V. "Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: taufet sie ... und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe" (Mt 28,19f). Der Ruf nach "Mission" tönt derzeit bis in die letzten Winkel unserer Kirche. Zu diesem Zwecke will A) das Evangelium möglichst klar und eindeutig predigen. Man schaut dem Volk aufs Maul, um ihm "die großen Taten des HERRN" verständlich bezeugen zu können. Denn das Volk soll genau verstehen, wovon die Rede ist. Es soll wissen, was es glauben kann und was nicht; wofür oder wogegen es sich entscheiden muß. Die Mücken sollen verstehen, was der große, allmächtige Gott ihnen zu sagen hat; welch ungeheure Bedeutung seine Worte haben; was dabei auf dem Spiel steht: buchstäblich ewiges Leben oder ewiger Tod.

Bei B) dagegen hat man ein Problem. Wenn deren Überzeugungen klar und eindeutig und für jedermann verständlich formuliert würden, gäbe es Ärger. Wenn z. B. laut gesagt würde: Wir glauben nicht "an Gott ... den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden"; oder: Wir glauben nicht "geboren von der Jungfrau Maria"; oder: Wir glauben nicht "am dritten Tage auferstanden von den Toten" usw. usw., dann gäbe es gewaltige Schwierigkeiten mit dem Papst, in der Ökumene und in den eigenen Gemeinden. Und man stünde nackt und bloß in der Öffentlichkeit: Wer braucht schon eine Kirche, die nichts anderes predigt als die säkulare Umwelt auch?

Also läßt man sich etwas einfallen. Nochmals der "SPIEGEL: Dass die Jungfrauengeburt nicht historisch ist, ist feste protestantische Überzeugung ... Ist es für Sie ein Problem, einerseits überzeugt zu sein, dass es keine Jungfrauengeburt gegeben hat, und andererseits das Glaubensbekenntnis zu sprechen: 'geboren von der Jungfrau Maria'? Lindemann: Nein, überhaupt nicht . . .". (SPIEGEL 50/99, S. 134)

Hier bestätigt ein Theologie-Professor in der Presse: Unser Glaubensbekenntnis ist sachlich falsch. Wir Protestanten glauben selber nicht, was wir Sonntag für Sonntag in unseren Gottesdiensten öffentlich bekennen. Bzw.: wir bekennen einen Glauben, den wir gar nicht haben. Wir denken "Jungfrau falsch", bekennen aber "Jungfrau richtig"; wir glauben "nein", aber wir bezeugen "ja"; wir meinen "schwarz", aber wir sagen "weiß".

Dieser Geisteshaltung begegnet man in unserer Kirche auf Schritt und Tritt. Der unter I. zitierte Student Florian Dieckmann dürfte inzwischen Vikar sein. Als solcher zieht er sich einen Talar an, tritt vor die Gemeinde und spricht mit lauter Stimme: “Ich glaube an Gott . . ." Und im Stillen denkt er: Der Thron im Himmel ist leer; da sitzt keiner, der regiert.
Oder: Professor Lindemann behauptet im SPIEGEL, das leere Grab sei eine Legende; d. h. er und viele seiner Kollegen sind überzeugt, Jesus sei im Grab verfault wie jeder andere Mensch auch. Und dennoch bekennen sie alle: "Ich glaube ... an Jesus Christus ... am dritten Tage auferstanden von den Toten."
Oder: Der sächsische Bischof verschickt Rundschreiben an seine Pfarrer und Gemeinden. Im Sommer 2006 war dem ein "hilfreicher Vortrag" der Leipziger Theologie-Professorin G. Schneider-Flume beigefügt “Jesus Christus als Mitte der Schrift“. Darin heißt es: “Aberglaube wirft sich auf die Übermacht - sei es in der Höhe oder in der Tiefe, die Macht, die 'alles kann'. Das ist die Allmacht des Selbst, oder die Projektion des Allesmacher-Gottes, die Macht der Wünsche und des Sehnens“. Auch hier: der Bischof und die Professorin bekennen "Ich glaube an Gott ... den Allmächtigen" - und im Stillen denken sie, das sei Aberglaube.

Bei A) redet man oft genug frommes Fach-Chinesisch bzw. unverständliches Kanaanäisch; auch wir sprechen oft von Gott und meinen doch nur uns selbst, unser frommes Ego. Dennoch, hier in diesem Punkt geht es jetzt tatsächlich darum: die einen sind die Guten und die anderen die Bösen - denn die von B) tun Unrecht: Sie sind Diebe! Sie stehlen Zeichen; sie stehlen Worte; sie stehlen Sprache. Genauer: Sie stehlen Gefäße mit der Aufschrift "Gott"; doch den gießen sie aus und füllen stattdessen "Mensch" hinein. Das Ganze verkaufen sie dann als "christlichen Glauben".

Wohlgemerkt: B)-Theologen sind intelligent! Sie wissen sich darzustellen; bzw. sie wissen genau, was das jeweilige Publikum hören will. So können sie praktisch jedermann 'besoffen reden'. Doch genau das ist das Problem. Unsere Kirche wirkt wie ’besoffen’: Nüchterne, auf die Gemeindepraxis bezogene Theologie findet kaum noch statt. Selbst in den einfachsten, elementarsten Fragen des Glaubens herrscht (weithin) Unsicherheit oder schlicht Schweigen. Die erdrückenden theologischen Probleme werden nicht angepackt geschweige denn geklärt. Fachtheologen verlieren sich in Rand- und Detailfragen; die Kirchenleitungen gehen auf in Finanz- und Strukturdebatten ... Im Ergebnis wird viel und fromm geredet – doch hinter all den schönen Worten breitet sich die tödliche theologische Leere immer weiter aus.

Zum Beispiel: Wenn der Papst meint, die Evangelischen seien keine richtige Kirche, stehen diese trutzig auf und protestieren: Kirche sei dort, wo das Evangelium rein gepredigt werde! Sehr schön und sehr lutherisch; aber wer prüft denn nach, ob in den evangelischen Gottesdiensten das Evangelium tatsächlich "rein" gepredigt wird? Und vor allem, was heißt das denn: "Evangelium rein predigen"? Was genau unterscheidet reines Evangelium von unreinem, von schmutzigem Evangelium?

Der ehemalige Wolfsburger Superintendent Dr. H. Koch ist wahrhaft kein Pietist. Dennoch schreibt er in "Die Kirchen und ihre Tabus" (2006, Patmos Verlag Düsseldorf) auf Seite 81: "Man bringt 'Das Evangelium' immer dann ins Spiel, wenn dessen Autorität als das Wort Gottes einem kirchlichen Anliegen besonderes Gewicht verleihen soll. Da sie so gut wie nie mit Inhalt gefüllt wird, eignet sich die Worthülse "Evangelium" bestens dazu, wie ein Nagel benutzt zu werden, den man bei Bedarf in die Wand schlägt, um ein jeweils anderes, aber in den jeweiligen Zusammenhang passendes Bild aufzuhängen." Auf deutsch: das evangelische Kirchenverständnis ist (heute!) kaum mehr als "verbo"-Schaum, fromm klingendes Gerede ohne konkrete Substanz.

Eine solche Nagel-Rolle scheinen inzwischen alle Grundworte des Glaubens zu spielen: Von "Gott" über "Schöpfer" ... "Auferstehung" ... "Heiliger Geist" ... "Vergebung der Sünden" bis hin zum "ewigen Leben". Sie alle haben keine verbindliche inhaltliche Substanz mehr. Letztlich kann jeder Theologe damit ausdrücken, was er will; oder eben seine je eigenen Wünsche und Theorien daran aufhängen.

Doch wie sollen ’normale Menschen’ solche Theologie verstehen? Woher sollen sie wissen, was zufällig gerade gemeint ist, wenn von “Jungfrauengeburt“ geredet wird; oder von “Gott, dem Allmächtigen“ ... ? So bekommt kirchliches Reden ein trauriges Gefälle: von klaren Worten hin zu trüben Sprachnebeln, von eindeutigen Aussagen zu verschwommenen Andeutungen, vom Inhalt zur Form, vom Sein zum Schein, vom Suchen bzw. Bezeugen von Wahrheit hin zur Selbstdarstellung; kurz: ev. Kirche “plappert wie die Heiden“: es wird viel geredet, aber kaum noch etwas gesagt.

Ein letztes Beispiel: In Theologie und Kirche ist ständig die Rede vom "Wort Gottes". Nun sagte A. Noack, Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, in Bibel-TV (vor eher frommen Publikum): "Für mich ist die Bibel Gottes Wort". Dagegen betont Kirchenpräsident Steinacker in zeitzeichen (11/05, S. 39; vor eher liberalen Lesern), das Wort Gottes sei nicht die Bibel, sondern ein "lebendiges Geschehen. Es ist überall auf der Welt zu vernehmen, auch nonverbal, zum Beispiel in der liebevollen Zuwendung zu einem anderen Menschen". Fachtheologen dürften mindestens eine weitere Variante hinzufügen: "Die Bibel ist nicht Gottes Wort, aber sie enthält Gottes Wort". Dies läuft darauf hinaus, daß jeder Theologe selbst aussuchen kann: was ihm in der Bibel gefällt, das ist für ihn "Wort Gottes"; was ihm nicht genehm ist, ist es halt nicht.

Auch hier: "Wort Gottes" ist zu einem leeren Begriff verkommen, der wie ein Etikett auf - letztlich beliebiges - kirchliches Reden geklebt wird. So sagte N. Schneider, der Präses der rheinischen Landeskirche, im Blick auf den Kirchentag (ideaSpektrum 13. 06. 07): "Das Wort Gottes ist die Klammer, die die Fülle der Veranstaltungen umschließen soll." Fliege, der Dalai Lama, Muslime, jüdische Schriftgelehrte, PDS-Atheisten ... - sie alle werden "von der Klammer des Wortes Gottes" umschlossen. Wo "Mensch" drin ist, wird einfach "Gott" draufgeschrieben - fertig ist das "reine Evangelium"?

 

"Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, welches ist die Heuchelei" (Luk 12,1). Dieser Sauerteig trägt heute die Bezeichnung "Interpretation". Und die ist wie ein Krebsgeschwür, das Sprache, Theologie und Glauben zerfrißt. Die "Kirche des Wortes" lebt vom Wort - und wenn die Worte sterben, stirbt die Kirche mit ihnen. Die von B) verursachte Babylonische Sprachverwirrung, sprich: die Interpretations-Heuchelei, ist durch nichts, aber auch gar nichts, zu entschuldigen.

 

 

VI. In Württemberg wird die Synode der Landeskirche in den Gemeinden direkt gewählt. Folglich bietet diese Synode - als einzige in der EKD - ein realistisches Abbild der Situation in den Gemeinden; sprich: es gibt u. a. je eine starke Fraktion von A) und von B), "Lebendige Gemeinde" und "Offene Kirche". Anfang 2002 bat der damalige - in der EKD ebenfalls einzige - A)-Bischof die Synodalen, nach einem "theologischen Grundkonsens" zu suchen; d. h. "in allgemein verständlicher Weise die Inhalte evangelischen Glaubens" darzustellen. Das wurde versucht - und scheiterte. Die Mitglieder der Synode einer Landeskirche konnten sich nicht darauf einigen, was sie denn gemeinsam glauben!

Dies konnte so nicht im Raum stehen bleiben. Also wurde ein zweiter Versuch gestartet. Heraus kam "Daran glauben wir"; zehn Merksätze mit kurzen Erklärungen, von "Gott der Schöpfer" bis "Die neue Welt - Gottes Zukunft für uns". "Der Laie" hat sie gelesen - und nichts gefunden, worüber er hätte meckern können. Er findet sonst immer was, hier aber nichts, absolut nichts. Aber: er hat auch nichts gefunden, das sich ihm eingeprägt hat, das ihn bewegt oder geholfen hat. Es ist ein runder, glatter Text ohne Ecken und Kanten. Er wurde zwischen A) und B) so lange gerieben, bis alle Substanz aufgeweicht und jedes Profil abgeschliffen war.

Wohlgemerkt: der Versuch war wichtig und aller Ehren wert(!), auch ist das Ergebnis nicht schlecht. Dennoch, man hätte auch anders verfahren können, nämlich Gemeinden und Öffentlichkeit aufklären, ihnen die Wahrheit sagen: "In unserer Landeskirche begegnen sich zwei unterschiedliche Religionen; folglich existieren auch zwei unterschiedliche Theologien und zwei unterschiedliche Formen von Glauben. Beide Seiten vertreten gegensätzliche Überzeugungen und sind nicht zu vereinbaren: A) glaubt das und das; B) glaubt dies und jenes; in den Punkten sind wir grundsätzlich verschiedener Meinung, in jenen Fragen gibt es einige Gemeinsamkeiten."

Man hätte dies tun können im Vertrauen darauf, daß "Wahrheit frei macht": frei zu gegenseitigem Verstehen, zu eigenem Denken, zu bewußten Entscheidungen. Doch genau dies scheint unsere Kirche zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Also werden die Gegensätze übertüncht, die offenen Fragen vernebelt, die Probleme schöngeredet. Man verrührt beide Religionen und sucht ein harmonisches Miteinander zu demonstrieren. Doch solch ein harmonisches Miteinander ist ausgeschlossen. Gott akzeptiert die Herrschaft des Menschen nicht und der Mensch duldet die Herrschaft Gottes nicht. Also liegen A) und B) in einem ständigen, erbitterten Streit; einem Streit, der beide Seiten lähmt, sie aufreibt, ihnen schwersten Schaden zufügt.

Zum Beispiel: Viele Theologie-Studenten kommen aus Familie und Gemeinde von einer A)-Prägung her. Im Studium werden sie dann mit knallharter B)-Theologie konfrontiert. Doch ihnen wird nicht die Wahrheit gesagt: Die Gegensätze und Widersprüche der ev. Theologie werden verschwiegen; stattdessen werden ihnen die B)-Theorien als der einzige, wahre (weil "wissenschaftliche") christliche Glaube eingebläut. D. h., sie werden nicht sachlich informiert, sondern einseitig "missioniert" (richtiger wohl: manipuliert). Das Ergebnis sind oft genug theologisch gespaltene Persönlichkeiten, geistliche Zwitterwesen: in ihnen stecken Reste von A) vermengt mit Elementen von B); von allem etwas, nur nichts richtig. In der Folge ist das A)-Lager heute nur noch ein Schatten seiner selbst.

Ähnlich ergeht es all denen, die dieses Spiel nicht durchschauen. Ein wenig A), ein wenig (mehr) B), irgendwo zwischen “Gott“ und “Mensch“, weder Fisch noch Fleisch; "glatte" Pfarrer mit einem "glatten" Glauben ohne Ecken und Kanten, ohne innere Kraft; weder für Gott noch für den Menschen wirklich zu gebrauchen.

Die B)-Seite ist auch nicht besser dran. Sie hat zwar - abgesehen von Württemberg - alle wichtigen Positionen in EKD und Landeskirchen fest im Griff. Doch dafür müssen ihre Vertreter sich in die Formen, in die Kleider, von A) zwängen. Und die passen einfach nicht. Wenn "Mensch" als "Gott" daher kommt, wirkt das wenig überzeugend: Predigten, "Wort zum Sonntag", Andachten in Rundfunk und Presse, die unzähligen Papiere aus Synoden und Kirchenleitungen ... Menschliche Klugheit mit religiösen Andeutungen garniert: nett, freundlich, "glatt", belanglos.

Das Ergebnis: Seit 1945 haben die ev. Kirchen in Deutschland mehr als 50 Prozent ihrer Mitglieder verloren; Kirchengebäude müssen auf- gegeben werden; die EKD verliert ihren Einfluß in der Gesellschaft; das Impulspapier beschwört eine düstere Zukunft ... Säkulare Weisheiten in religiöses Gehabe verpackt passen nicht mehr in die Zeit

Genauer wohl: kirchliches Reden ohne eindeutiges Profil, ohne theologische Substanz, ohne geistliche Kraft wird "glatt" und bedeutungslos. Zum Beispiel die "Rechtfertigung", die Kernfrage evangelischer Theologie: 1999 (?) wurde die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" verabschiedet. "Die Rechtfertigung wird uns zuteil durch Christus Jesus, 'den Gott dazu bestimmt hat, Sühne zu leisten mit seinem Blut, wirksam durch Glauben' ... Allein durch Christus werden wir gerechtfertig ... die Lehre von der Rechtfertigung ... ist ein unverzichtbares Kriterium, das die gesamte Lehre und Praxis der Kirche unablässig auf Christus hin orientieren will." Fast zeitgleich veröffentlichte die EKD ihre amtliche Studie "Christen und Juden III": ". . . das apostolische Zeugnis von der bleibenden Erwählung Israels neu entdeckt. Aus ihm ergibt sich für uns die notwendige Folgerung, dass Juden keineswegs im Status der Heilsferne und Heillosigkeit stehen."

Mit anderen Worten: Jahrelang feilschen Lutheraner und Katholiken, ob die Lehre von der Rechtfertigung d a s oder nur e i n Kriterium ist, an dem sich "die gesamte Lehre und Praxis der Kirche" zu orientieren hat. Und parallel dazu erstellt die EKD eine Studie, wo genau diese Rechtfertigungslehre plötzlich g a r k e i n Kriterium mehr ist? Ähnlich Prof. Jüngel; in dem genannten Buch bescheinigt er auf Seite 228f dem Menschen "auch im schlimmsten Fall" die "unzerstörbare Würde einer von Gott gerechtfertigten menschlichen Person". Auf Seite 211 dagegen hieß es noch: "In diesem Sinne ist nun noch einmal einzuschärfen, daß es allein der Glaube ist, durch den der Mensch gerechtfertigt wird, daß der Mensch sola fide eine gerechtfertigte und also neue Person wird."

Über all diesen Eiertänzen liegt stets der gleiche Geruch: gegenüber den Katholiken will man sich behaupten; also gibt man sich stramm lutherisch und führt die A)-Theologie wie eine Kriegsfahne ins Feld. Im innerevangelischen oder säkularen oder interreligiösen Bereich zeigt man seine wirklichen Überzeugungen; da wird das B)-Fähnlein im sanften Wind des Zeitgeistes geschwenkt. Satirisch zugespitzt: gegenüber Katholiken gilt: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!"; in allen anderen Fällen heißt es: "Hier stehen wir, was wollt ihr hören?

Z. B. wenn es öffentliche Diskussionen um ethische Fragen gibt? Die katholische Kirche bezieht eindeutige Positionen; die regen viele auf, aber da weiß jeder, woran er ist. Und die Evangelischen? Wir rühmen uns unseres Pluralismus und eiern herum. Wir pflegen die hohe Kunst, es allen recht machen zu wollen und wissen uns anzupassen. Abtreibung, Embryonenschutz, Homosexualität, Evolution . . . - die EKD vertritt "glatte" Positionen. Die regen niemanden auf. Da kann sich jeder selber aussuchen, woran er sein möchte. Doch wenn es wirklich ernst wird, dann weiß man in der EKD sehr genau, was der Zeitgeist fordert.

Kurz: Ev. Theologie hat kaum noch eigene Substanz, sondern erschöpft sich weithin in verschwommener opportunistische Taktiererei - hinter der sich aber oft genug knallharte B)-Interessen verstecken. Sprich: die Kirche wird still und leise theologisch ausgehöhlt und umgepolt. Derzeit kann man das beim "Opfertod Jesu" sehr schön beobachten.

Genug davon. Der tödliche Virus, der unsere Kirche langsam zerstört, heißt nicht Geldmangel oder Unglaube der modernen Umwelt oder was auch immer - sondern es ist der unüberwindliche Graben zwischen A) und B); die unselige Vermengung zweier letztlich unterschiedlicher Religionen; das ständige Hinken auf beiden Seiten, das fortwährende Pendeln zwischen "Gott" und "Mensch" - und die daraus folgende "Glätte"; sprich: die unendlich-bodenlose Leere evangelischer Theologie.

Kurz; Off 3,15: "Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."

(Immerhin, bei der EKD hat man jetzt die Lösung gefunden: "Qualität"! Was wohl heißen soll: Jetzt krempelt B) die frommen Ärmel hoch und wird allen zeigen, wie erfolgreich Kirche gemacht wird? Na dann viel Glück, liebe EKD!)

 

VII. Hes 13, 2ff: "Weissage gegen die Propheten Israels und sprich zu denen, die aus eigenen Antrieb heraus weissagen ... die ihrem eigenen Geist folgen ... Sie sind nicht in die Bresche getreten ..." Oder Hes 22,30: "Ich suchte unter ihnen, ob jemand ... wider den Riß stünde vor mir für das Land, daß ich's nicht verderbte; aber ich fand keinen." Dies ist sicherlich etwas großzügig "interpretiert"; dennoch genau das ist das allergrößte Elend unserer Kirche: Es gibt niemanden mehr, der "wider den Riß steht" für unsere Kirche, daß sie nicht verderbe; niemanden, der mit Kraft und Vollmacht die theologischen Probleme beim Namen nennt. Deshalb bleibt die Frage: Was können wir denn tun?

1) Nichts. Denn die Schlüsselpositionen, dort wo es um Macht und Einfluß geht, wo das Geld verteilt wird, die sind fest in der Hand von B). Synoden, Kirchenleitungen, Verwaltungen, Bischofsämter und besonders ev. Akademien, kirchliche Ausbildungsstätten, die Lehrstühle an den Universitäten, die kirchliche Presse, der Kirchentag usw. usw. werden weithin von B) dominiert. Vor Ort, in den Gemeinden, sind vielerorts noch die von A) aktiv und suchen in oft mühseliger, treuer Kleinarbeit den Laden am Laufen zu halten. Aber die Machtpositionen wurden zielstrebig von B) besetzt. Das ist ein dichter, undurchdringlicher Filz; dagegen kann man praktisch nichts ausrichten.

2) Nochmals nichts. Die ev. Kirchen in Deutschland haben jährlich Einnahmen von etwa 8.000.000.000,- (in Worten: acht Milliarden) Euro; dazu kommen noch die Einrichtungen der Diakonie und vom Staat be- zahlte Stellen (z. B. an den Universitäten). Das ist eine Menge Speck! In den Gemeinden - dort wo das Geld hereinkommt - wird immer mehr gespart; dennoch gibt es noch genug Pöstchen, wo sich gemütlich leben läßt - eben wie die Maden im Speck. Folglich haben die Maden keinerlei Interesse, diesen Zustand zu ändern. Sie werden sich niemals um Aufklärung bzw. Lösungen bemühen, die ihre Positionen in Frage stellen.
Außerdem haben zumindest einige Vertreter von B) inzwischen begriffen, daß ihre weltfremden Theorien kaum jemanden zu überzeugen vermögen und dadurch den Fortbestand unserer Kirche ernsthaft gefährden. Also sucht man deren Heil umso entschiedener in den Formen von A). In der Sache wird B) konsequent durchgezogen; in der Form aber will man wieder frömmer werden, um die Menschen mit religiös-kirchlichem Schein zu locken. Folglich dürften die theologischen Nebelschwaden in unserer Kirche immer dichter und undurchdringlicher werden. Auch dagegen kann man praktisch nichts ausrichten.

3) Noch einmal nichts. Denn "die evangelische Theologie" gibt es gar nicht. Es gibt nur zahlreiche evangelische Theologen - vom Pfarrer bis zum Professor. Sie alle wurschteln vor sich hin und jeder macht, was ihm gefällt. Es gibt nichts, was sie miteinander verbindet (abgesehen vom Geld und der frommen Sprache). Es gibt nichts, was sie in 'der Sache' zusammenhält. Synoden, Kirchenleitungen, der Rat der EKD leiten die Organisation Kirche, den Beamtenapparat. In Fragen des Glaubens, der Theologie, gibt es solche Leitung nicht. Wenn ein Pfarrer ordiniert ist und in seiner Pfarrstelle sitzt; kann er predigen, was er will - es fragt praktisch niemand nach. (Falls aus der Gemeinde doch mal einer protestieren sollte, wird er ausgelacht.) Und wenn jemand erst einmal Professor an einer Universität ist, kann er die Studenten lehren, was er will - das kontrolliert kein Mensch.
In einer "Kirche der Interpretationen" gibt es keinen Ort, wo die Fragen des Glaubens zusammenlaufen; keine Stelle, die sich für das Ganze verantwortlich fühlt. Es gilt - frei übersetzt - Jesaja 53,6: "Sie alle laufen durcheinander wie Schafe, ein jeder sieht nur seinen eigenen Weg." Kurz: es herrscht theologische Anarchie. Oder wie Melanchthon klagte: die "rabies theologorum", die Tollwut der Theologen. Und es ist niemand da, der daran etwas ändern könnte.

4) Ein weiters Mal nichts. Denn der "Zeitgeist" oder der "Geist der Welt" ist ja nicht nur eine bildliche Umschreibung für sich ständig wandelnde Überzeugungen; sondern er ist eine ganz reale Kraft, die bestimmte Entwicklungen vorantreibt; eine Kraft, die nicht nur "die Welt" sondern zunehmend auch unsere Kirche beherrscht (Eph 6,12): "Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel."
D. h., es gibt Ideen, geistige Prozesse, religiöse Entwicklungen, die letztlich nicht dem Gehirn einzelner Menschen entspringen. Dort reifen im Verborgenen Dinge heran, bei denen es buchstäblich nicht mit rechten Dingen zugeht. Hinter so manchem Geschehen der Geschichte standen bzw. stehen Kräfte, die mit dem menschlichen Verstand nicht zu erklären sind. Wenn, z. B., Gott eine Kirche oder ein Volk "dahingibt in ihrer Herzen Gelüste" - wie sollten einzelne dem wehren?

5) Ein Mittel, das unsere sterbende Kirche heilen könnte, haben wir nicht. Vielleicht aber ein Salbe, die das Elend hier und da etwas lindert: Tränen. So wie Jesus über Jerusalem weinte, können wir über unsere Kirche weinen: "Gott . . . gedenke an deine Gemeinde . . . richte doch deine Schritte zu dem, was so lange wüst liegt. Der Feind hat alles verwüstet im Heiligtum. Deine Widersacher brüllen in deinem Hause und stellen ihre Zeichen darin auf . . . Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas weiß. Ach Gott wie lange soll der Widersacher noch schmähen und der Feind deinen Namen immerfort lästern? Warum ziehst du deine Hand zurück?" (Ps 74)

Das ist die große Anfrage an A): Wissen wir noch, was beten heißt; können wir das wirklich? Und tun wir es auch so, wie es nötig wäre? Apg 4, 24ff: "Da sie das hörten erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, der du Himmel und Erde . . . gemacht hast . . . gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort, und strecke deine Hand aus, daß Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus."

Die "Hand Gottes" ist unsere einzige Hoffnung! Wobei "Heilungen" nicht unbedingt heißen muß, daß Krebskranke schlagartig gesund werden. Heilung heißt ja auch: daß Menschen, deren Glaube von der heutigen Theologie zerstört wurde, im Innersten wieder heil werden; daß sie wieder einen klaren Blick auf ihren großen Gott bekommen; daß sie wieder lernen, im Glauben aufrecht und gerade zu stehen. Und "Zeichen" muß auch nicht unbedingt eine Totenauferweckung sein; sondern Zeichen sind auch Gemeinden oder Christen, deren Glaube weithin sichtbar ist und vielen Menschen Hoffnung und Orientierung bietet. Z. B. U. Parzany oder Peter Hahne sind ja ganz gut; 20 von ihrer Sorte wären aber besser. Oder was sind denn Wunder? Das größte "Wunder" ist doch, daß ein Mensch von neuem geboren wird; daß ein großer, stolzer Mensch die Knie beugt und sein Leben in die Hände von Jesus Christus legt.

Darum wünschte ich mir, daß diejenigen in unserem Land, deren Leben Jesus Christus gehört, die an einen großen Gott glauben, weniger diskutieren – und stattdessen "einmütig ihre Stimme erheben" und tagtäglich aus tiefstem Herzen beten: "Herr, wir sind am Ende; wir können nichts mehr machen. Deshalb strecke DU, der du Himmel und Erde gemacht hast, strecke Du DEINE Hand aus, daß Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus."

 

Amen.

 

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